Ein System, das Veränderungen erschwert

Warum nehmen hochverarbeitete Lebensmittel trotz der zunehmenden wissenschaftlichen Erkenntnisse weiterhin einen so großen Stellenwert in unseren Gesellschaften ein? Diese Situation ist keineswegs allein auf individuelle Entscheidungen zurückzuführen. Vielmehr ist sie das Produkt eines wirtschaftlichen, politischen und marketinggetriebenen Systems, das strukturell darauf ausgelegt ist, den Status quo aufrechtzuerhalten.

Ein von wenigen Konzernen dominiertes System, das die Regeln vorgibt

Hinter hochverarbeiteten Lebensmitteln stehen eine Handvoll multinationaler Konzerne, die den Weltmarkt weitgehend beherrschen. Acht Unternehmen – Nestlé, PepsiCo, Unilever, Coca-Cola, Danone, FEMSA, Mondelez und Kraft Heinz – vereinten 2021 allein rund 42 % eines auf 1,5 Billionen US-Dollar geschätzten Marktes auf sich. Mit anderen Worten: Fast die Hälfte des weltweiten Marktes wird von nur wenigen Konzernen kontrolliert1.

The illusion of choice
The Illusion of Choice — Oxfam International (via Visual Capitalist, 2016) Hinter Hunderten von Marken stehen nur wenige multinationale Konzerne, die den Großteil des Marktes kontrollieren und Verbrauchern die Illusion einer großen Auswahl vermitteln.

Eine derart starke Marktkonzentration verleiht diesen Unternehmen erhebliche wirtschaftliche Macht. Wenn eine so kleine Zahl von Akteuren ein derart großes Gewicht hat, verkauft sie nicht nur Produkte, sondern beeinflusst auch die Spielregeln2,3. Diese Macht äußert sich unter anderem in Lobbyaktivitäten, engen Verbindungen zu bestimmten Entscheidungsgremien oder in der Fähigkeit, Regulierungsmaßnahmen zu bremsen, die als nachteilig für die eigenen Interessen gelten.

Im Vereinigten Königreich zeigte beispielsweise eine Untersuchung aus dem Jahr 2024, dass einige Mitglieder des wissenschaftlichen Gremiums, das die Regierung in Ernährungsfragen berät, finanzielle Verbindungen zu großen Lebensmittelkonzernen hatten4. Selbst die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sah sich unter Druck gesetzt: Die Sugar Association, die wichtigste Lobbyorganisation der Zuckerindustrie in den USA, drohte damit, die US-Regierung einzuschalten, um die Finanzierung der WHO zu kürzen, nachdem diese den Zusammenhang zwischen Zuckerkonsum und chronischen Erkrankungen aufgezeigt hatte5.

Und diese Macht dient einem klaren Ziel: der Rentabilität. Die meisten dieser Unternehmen, darunter Nestlé, PepsiCo, Coca-Cola, Unilever, Mondelez und Danone, sind börsennotiert. Sie müssen daher fortlaufend die Erwartungen ihrer Aktionäre erfüllen. Im Mittelpunkt steht dabei eine zentrale Anforderung: ein kontinuierliches Wachstum der Gewinne6.

Hochverarbeitete Lebensmittel erweisen sich dabei als nahezu ideales Geschäftsmodell. Sie basieren auf kostengünstigen Zutaten, die häufig aus intensiv bewirtschafteten und umfangreich subventionierten Kulturen wie Mais, Soja oder Zuckerrohr stammen. Zwischen 2022 und 2024 wurden 126 Milliarden US-Dollar an Agrarsubventionen für Zucker, Mais und Reis bereitgestellt, allesamt zentrale Bestandteile dieser Produkte7. Wenige kostengünstige Rohstoffe können in Produkte verwandelt werden, die zu deutlich höheren Preisen verkauft werden, dank industrieller Verfahren sowie Aromen und Zusatzstoffen. Hinzu kommen entscheidende logistische Vorteile: Sie sind lange haltbar, lassen sich leicht transportieren und verursachen nur sehr geringe Verluste. Das Ergebnis: gut kalkulierbare Kosten, sehr hohe Absatzmengen und attraktive Gewinnmargen8,9.

Weltweit nehmen hochverarbeitete Lebensmittel eine dominante Stellung ein. Sie machen rund die Hälfte des Börsenwerts der Lebensmittelindustrie aus: Rund 1,5 Billionen US-Dollar an Börsenwert beruhen auf diesen Produkten. Diese Dominanz spiegelt sich auch in der Vergütung der Aktionäre wider: Unternehmen im Bereich hochverarbeiteter Lebensmittel schütten rund 10 % ihrer Einnahmen an ihre Aktionäre aus, während Unternehmen, die unverarbeitete oder wenig verarbeitete Produkte vermarkten, lediglich 1,4 % ausschütten. Diese Dynamik besteht seit Jahrzehnten: Zwischen 1982 und 2021 haben sich die jährlich an die Aktionäre ausgeschütteten Beträge bei Coca-Cola beziehungsweise PepsiCo um mehr als das 9- beziehungsweise 16-Fache erhöht6.

In diesem Kontext gerät jede Entwicklung hin zu einer gesünderen Ernährung unmittelbar in Konflikt mit den Erwartungen der Finanzmärkte. Den Anteil hochverarbeiteter Lebensmittel zu reduzieren, würde für diese Unternehmen bedeuten, die profitabelsten Produkte ihres Portfolios infrage zu stellen.

Diese Spannung zeigt sich auch ganz konkret in der Unternehmensführung. Das Ausscheiden von Emmanuel Faber, dem ehemaligen Vorstandsvorsitzenden von Danone, im Jahr 2021 ist ein anschauliches Beispiel dafür. Faber hatte für den Konzern eine Strategie eingeschlagen, die Gesundheit, Produktqualität und Nachhaltigkeit stärker in den Mittelpunkt stellte. Unter dem Druck einiger Investmentfonds, die zu den Aktionären des Unternehmens gehörten, wurde diese Ausrichtung jedoch als unvereinbar mit den Anforderungen finanzieller Rentabilität angesehen. Schließlich wurde er zum Rücktritt gezwungen10.

Emmanuel Faber
Emmanuel Faber im Jahr 2019, als er noch Vorstandsvorsitzender von Danone war © Abaca Press / Alamy

Hochverarbeitete Lebensmittel stehen somit im Zentrum eines Wirtschaftssystems, das es besonders schwierig macht, sie infrage zu stellen.

Allgegenwärtiges Marketing, das unser Verhalten prägt

Um immer mehr zu verkaufen, beschränken sich die Hersteller hochverarbeiteter Lebensmittel nicht darauf, eine bestehende Nachfrage zu bedienen, sondern schaffen die Nachfrage selbst. Ihr Marketing ist allgegenwärtig, massiv und zunehmend ausgefeilt. Es richtet sich vor allem an besonders vulnerable Bevölkerungsgruppen, insbesondere an Kinder.

Eine UNICEF-Studie in 171 Ländern zeigt, dass drei von vier Kindern in der Woche zuvor Werbung für Softdrinks, Snacks und Fast Food gesehen hatten. Und diese Werbung bleibt nicht ohne Folgen: Drei von fünf Jugendlichen geben an, dass sie durch diese Werbung Lust bekommen, die gerade beworbenen Produkte zu konsumieren11.

Kinder sind Werbestrategien ausgesetzt, die darauf ausgelegt sind, ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen und ihre Vorlieben schon in jungen Jahren zu beeinflussen. Da sich ihr Gehirn noch in der Entwicklung befindet, fällt es ihnen schwer, zwischen Unterhaltung und Werbung zu unterscheiden12. Das Ergebnis: Sie sind besonders empfänglich für die Botschaften der Marken. Diese Strategien beruhen auf zwei besonders wirkungsvollen Hebeln:

  1. Zunächst die sensorische Stimulation. Hochverarbeitete Produkte sind häufig sehr süß, fettreich oder salzreich. Dadurch gewöhnt sich das Gehirn an besonders intensive Geschmacksreize, die nach und nach zur Norm werden und die Lebensmittelpräferenzen langfristig prägen. Im Vergleich dazu können einfachere Lebensmittel fade erscheinen, sodass manche Kinder sie schließlich sogar ablehnen13.
  2. Hinzu kommt die emotionale Bindung. Marken verkaufen nicht nur ein Produkt, sondern eine ganze Markenwelt. Maskottchen, leuchtende Farben, Comicfiguren oder Sammelspielzeug: Alles ist darauf ausgelegt, schon in jungen Jahren eine emotionale Bindung aufzubauen. Diese emotionale Bindung ist keineswegs harmlos. Sie soll eine langfristige Beziehung zur Marke schaffen. Je früher eine Bindung zu einer Marke entsteht, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie bis ins Erwachsenenalter bestehen bleibt. Dadurch wird sie zu einem wirkungsvollen Instrument der langfristigen Kundenbindung14,15.

Diese Form des Marketings verstärkt das, was Fachleute als Pester Power bezeichnen: die Fähigkeit von Kindern, so lange nach einem Produkt zu verlangen, bis ihre Eltern schließlich nachgeben. Durch die Gewöhnung an diese intensiven Farben und Geschmäcker und die Prägung durch die Markenwelten entwickeln Kinder eine starke Vorliebe für diese Produkte, die nur schwer zu kontrollieren ist, und verlangen immer wieder danach, manchmal mit großer Hartnäckigkeit13.

Marketing pour enfants
Maskottchen, Comicfiguren und leuchtende Farben: Verpackungen, die gezielt auf Kinder zugeschnitten sind.

Heute gehen diese Marketingstrategien weit über klassische Kommunikationsformen hinaus. Sie beschränken sich längst nicht mehr auf Fernsehwerbung oder Werbung im öffentlichen Raum, sondern erstrecken sich auf eine Vielzahl von Kanälen, insbesondere im digitalen Bereich16.

In sozialen Netzwerken nutzen Marken Algorithmen, die das Onlineverhalten analysieren – etwa angesehene Videos, gelikte Inhalte oder abonnierte Accounts -, um Kinder und Jugendliche mit hochgradig personalisierter Werbung anzusprechen, die exakt auf ihre Vorlieben zugeschnitten ist. Soziale Netzwerke sind heute die wichtigste Quelle für den Kontakt mit Lebensmittelwerbung bei jungen Menschen: 52 % geben an, dort damit in Berührung gekommen zu sein, gefolgt von Websites (46 %), dem Fernsehen (43 %) und Außenwerbung (43 %)12

Werbung hält auch zunehmend Einzug in Videospiele und wird dort immer natürlicher in das Spielerlebnis integriert. Im Basketballspiel NBA 2K beispielsweise ist die Marke Gatorade direkt in das Spiel eingebunden: Sie erscheint auf den Flaschen, die die Spieler während der Partien verwenden, oder in den Trainingsbereichen, wo die Spielfigur ein Gatorade-Getränk konsumieren kann, um ihre Energie wieder aufzufüllen.

Gatorade NBA 2K
Integration der Marke Gatorade in das Videospiel NBA 2K: In einem speziellen Bereich („Fuel Station“) kann die Spielfigur Gatorade-Getränke kaufen und konsumieren, um ihre Leistung zu verbessern. Quelle: YouTube-Screenshot (youtube.com/watch?v=rh_jAs4oJ0c)

Einige Marken gehen sogar weit über diese Form des hochentwickelten Product Placements hinaus und versuchen, rund um ihre Produkte ein echtes immersives Markenerlebnis zu schaffen.

Genau das tat Monster Munch im April 2023 mit seiner „Crazy Galaxy Quest“ und dem erklärten Ziel, „Jugendliche zu erobern“. Die Marke entwickelte ein komplettes Abenteuer rund um ihr neues Produkt, die Monster Munch Crazy Tiles, das direkt in Roblox und Minecraft integriert wurde, zwei Videospiele, die bei Jugendlichen besonders beliebt sind17. In Roblox schuf die Marke „Crazy Land“, eine Welt im Stil eines Vergnügungsparks, in der jede Attraktion die Maskottchen und das typische Erscheinungsbild der Marke aufgriff. Parallel dazu wurde die Kampagne auf TikTok, Discord und YouTube verbreitet und von Gaming-Influencern verstärkt, denen Millionen junger Abonnenten folgen. Das Ergebnis: „die beste Snack-Innovation der vergangenen drei Jahre“, so Intersnack, der Konzern hinter der Marke Monster Munch. Ein kommerzieller Erfolg, der darauf beruhte, junge Menschen gezielt bis in ihre Spielwelten hinein anzusprechen und ihnen eine Werbebotschaft zu vermitteln, die geschickt als Abenteuer getarnt war und die Grenze zwischen Werbung und Unterhaltung verschwimmen ließ.

Monster munch crazy land
Integration der Marke Monster Munch in Roblox mit „Crazy Land“: ein Vergnügungspark im Design der Marke, der Jugendliche gezielt ansprechen und für ihre Produkte begeistern soll. Quelle: Screenshot von der Website Castor & Pollux (castoretpollux.com/projets/monster-munch)

Einige Forschende sind der Ansicht, dass diese neuen Formen des digitalen Marketings sogar noch wirksamer sind als traditionelle Werbeformen, gerade weil sie schwerer als Werbung zu erkennen sind18,19. So zeigte eine Studie beispielsweise, dass Kinder nach dem Spielen von Advergames – also Online-Spielen wie dem von Monster Munch, die gezielt zur Bewerbung einer Marke entwickelt wurden – mehr Snacks und weniger Obst und Gemüse konsumieren20-22.

Um ihre Produkte in der Jugendkultur zu verankern, nutzen Marken zudem einen weiteren wirkungsvollen Hebel: das Zugehörigkeitsgefühl. Dazu kooperieren sie mit Prominenten, die Jugendliche bewundern. Coca-Cola ging 2025 beispielsweise eine Partnerschaft mit der K-Pop-Gruppe BTS ein, einem weltweiten Phänomen mit Hunderten Millionen Fans. In Frankreich arbeitete die Marke Oasis 2023 mit dem Rapper JuL zusammen und schuf einen vollwertigen Promotion-Song: einen vollwertigen Musiktitel mit Musikvideo, eingebettet in die Welt des Künstlers. Das Video erzielte innerhalb eines Monats mehr als 10 Millionen Aufrufe auf YouTube und wurde zur ersten „Gold-Single“, die aus einer Markenkooperation hervorging.

Jul featuring Oasis
„Tropical“, das Musikvideo von JuL in Zusammenarbeit mit Oasis © JuL / Oasis – Ausschnitt aus dem offiziellen Musikvideo, YouTube

Um Erwachsene anzusprechen, setzt die Industrie auf andere Strategien, etwa auf beruhigend wirkende Werbeaussagen auf den Verpackungen. „Reich an Vitaminen“, „Ohne künstliche Aromen“ oder „40 % weniger Fett“: Solche Angaben erzeugen einen sogenannten Halo-Effekt. Eine einzige positive Information reicht aus, um die Wahrnehmung eines Produkts insgesamt zu verändern und den Eindruck zu vermitteln, dass das Produkt insgesamt gesund oder hochwertig sei, selbst wenn es hochverarbeitet ist und eine ungünstige Nährstoffzusammensetzung aufweist. Verbraucher behalten vor allem die positiven Aspekte im Kopf und hinterfragen das Produkt nicht weiter23-25.

Allégations rassurantes
Diese hochverarbeiteten Produkte tragen auf der Vorderseite der Verpackung beruhigend wirkende Werbeaussagen.

Hinter all diesen Marketingstrategien stehen enorme Budgets, die weit über die Mittel öffentlicher Gesundheitsbehörden hinausgehen. Im Jahr 2024 gaben Coca-Cola, PepsiCo und Mondelez zusammen 13,2 Milliarden US-Dollar für Werbung aus, das entspricht dem Vierfachen des Jahresbudgets der WHO1. Wenn die Vermarktung hochverarbeiteter Lebensmittel über viermal so viele Mittel verfügt wie die weltweite Organisation, die mit dem Schutz unserer Gesundheit betraut ist, wird das Ausmaß dieses Ungleichgewichts deutlich.

Eine Strategie des Zweifels, die wissenschaftliche Verwirrung stiftet

Wie bereits anhand der Geschichte hochverarbeiteter Lebensmittel deutlich wurde, wurden einige dieser Unternehmen in den 1980er- und 1990er-Jahren von großen Tabakkonzernen übernommen. Dabei übernahmen sie nicht nur deren finanzielle Ressourcen, sondern auch einen Teil ihrer Methoden.

Die Tabakindustrie war nämlich Vorreiter darin, gezielt Zweifel zu säen, also wissenschaftliche Unsicherheit über die gesundheitsschädlichen Auswirkungen von Tabak zu erzeugen. Als in den 1950er-Jahren die ersten Studien einen Zusammenhang zwischen Rauchen und Krebs nachwiesen, entwickelten die Tabakkonzerne eine besonders wirkungsvolle Strategie: Sie bestritten die Fakten nicht offen, sondern verwickelten sie in endlose Kontroversen. 1954 gründeten sie das Tobacco Industry Research Committee (TIRC), eine Forschungseinrichtung, die der Öffentlichkeit als unabhängig präsentiert wurde, tatsächlich jedoch von den Büros der PR-Agentur Hill & Knowlton aus gesteuert wurde. Ihre Aufgabe bestand darin, gezielt ausgewählte Forschungsprojekte zu finanzieren, die einen Zusammenhang zwischen Rauchen und Krebs möglichst nicht bestätigten. So finanzierte das TIRC Studien zu anderen möglichen Ursachen von Lungenkrebs, etwa Luftverschmutzung, Stress oder genetischen Faktoren, um die Verantwortung des Tabaks zu relativieren und die Vorstellung aufrechtzuerhalten, dass keine endgültigen Schlussfolgerungen gezogen werden könnten26-30.

Auf ähnliche Weise finanzieren auch die Hersteller hochverarbeiteter Lebensmittel wissenschaftliche Studien, die zu ihren Gunsten ausfallen. Eine umfangreiche Metaanalyse mit mehr als 200 Studien zeigte, dass vollständig von der Lebensmittelindustrie finanzierte Forschungsarbeiten vier- bis achtmal häufiger zu Ergebnissen gelangen, die ihren Interessen entsprechen, als unabhängige Studien31. Die Forscherin Marion Nestle beobachtete dieselbe Tendenz: Von 76 industriefinanzierten Studien kamen 92 % zu Ergebnissen, die für die untersuchten Produkte günstig ausfielen32.

Ein besonders aufschlussreiches Beispiel stammt aus der Zuckerindustrie. In den 1960er-Jahren finanzierte eine Lobbyorganisation der Zuckerproduzenten heimlich Forschende der Harvard University, die daraufhin in einer führenden medizinischen Fachzeitschrift Studien veröffentlichten, welche die Rolle von Zucker bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen herunterspielten33,34. Stattdessen betonten diese Arbeiten die Gefahren gesättigter Fettsäuren und von Cholesterin. Damit trugen sie dazu bei, den jahrzehntelang dominierenden Anti-Fett-Diskurs zu stärken, der die weltweiten Ernährungsempfehlungen prägte und der Zuckerindustrie direkt zugutekam35. Interne Dokumente, die diese Finanzierungen belegten, wurden erst 2016 entdeckt, mehr als fünfzig Jahre später36.

Parallel dazu versuchen diese Unternehmen, die Verantwortung auf den Einzelnen abzuwälzen: Wenn Menschen krank sind, liege das vor allem daran, dass es ihnen an Willenskraft fehle, sie schlechte Entscheidungen träfen oder sich nicht ausreichend bewegten. Coca-Cola zahlte beispielsweise 1,5 Millionen US-Dollar an Forscher, um die These zu verbreiten, die Epidemie der kindlichen Adipositas sei in erster Linie auf Bewegungsmangel und nicht auf den Konsum zuckerhaltiger Getränke zurückzuführen. Diese Schlussfolgerung wird von der unabhängigen wissenschaftlichen Literatur jedoch nicht gestützt. Diese Zahlungen wurden 2015 von der New York Times aufgedeckt und lösten einen großen öffentlichen Skandal aus37.

Auf ähnliche Weise versuchte auch Kraft Foods, einer der weltweit größten Hersteller hochverarbeiteter Lebensmittel hinter Marken wie LU, Oreo, Milka und Belvita, die Verantwortung auf die Verbraucher abzuwälzen, als Adipositas Anfang der 2000er-Jahre zu einem wichtigen Thema der öffentlichen Gesundheit wurde. In seiner offiziellen Kommunikation führte der Konzern Adipositas systematisch auf individuelles Verhalten zurück und verpflichtete sich dazu, „Verbrauchern mehr Informationen über gesunde Ernährungs- und Lebensstilentscheidungen bereitzustellen“, ohne dabei jemals die Rolle zu hinterfragen, die die eigenen Produkte bei diesem Problem spielen könnten38-40. Das Unternehmen nahm sogar Abstand von seiner Strategie zur Reduzierung der Portionsgrößen und begründete dies damit, auf eine Nachfrage der Verbraucher zu reagieren, die „mehr Auswahl“ wünschten. Laut einer Sprecherin von Kraft hätten „unterschiedliche Menschen unterschiedliche Körperstaturen und Aktivitätsniveaus, weshalb es sinnvoller sei, verschiedene Portionsgrößen anzubieten“41. Diese Strategie zeigte sich auch in der Förderung des sogenannten „Mindful Snacking“, eines Konzepts, das dazu ermutigt, Snacks maßvoll und bewusst zu konsumieren. Damit setzte sich ein Narrativ fort, das den Schwerpunkt auf individuelles Verhalten statt auf die Qualität der Produkte selbst legt42,43.

100 Calorie Packs
Mitte der 2000er-Jahre führte Kraft für mehrere seiner Marken die „100 Calorie Packs“ ein. Sie veranschaulichen eine Strategie, die die Verantwortung für die Portionskontrolle und damit für die Lösung des Problems auf die Verbraucher verlagert.

Diese Strategie war erfolgreich: Studien zeigen, dass die Öffentlichkeit die Verantwortung für die Adipositas-Epidemie spontan eher den Einzelnen selbst zuschreibt als dem Ernährungsumfeld. Dadurch wird es deutlich schwieriger, breite Unterstützung für eine strengere Regulierung der Industrie zu gewinnen44,45.

Eine globale Expansion, die auf die verwundbarsten Märkte abzielt

In Ländern mit hohem Einkommen scheint sich der Anteil hochverarbeiteter Lebensmittel zu stabilisieren. Dafür sind mehrere Faktoren verantwortlich: die Sättigung der Märkte, die schrittweise Verschärfung der Regulierung und die wachsende Aufmerksamkeit für Fragen der öffentlichen Gesundheit9.

Gerade diese Marktsättigung in Nordamerika und Europa seit den 1980er-Jahren hat die großen multinationalen Konzerne dazu veranlasst, sich verstärkt den Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen zuzuwenden: Dort stiegen die Verkäufe hochverarbeiteter Lebensmittel zwischen 2007 und 2022 um 40 bis 60 %. Hier entscheidet sich heute das weitere Wachstum dieser Branche.

Ihre Strategie beruht auf drei zentralen Hebeln: groß angelegte Marketingkampagnen, innovative Vertriebsmodelle, um auch die am schwersten erreichbaren Bevölkerungsgruppen zu erreichen, sowie die Übernahme lokaler Unternehmen. Dadurch beschleunigen sie das, was einige Forschende als „Nutrition Transition“ bezeichnen, also den schrittweisen Übergang zu einer Ernährung, die zunehmend von hochverarbeiteten Produkten geprägt ist, zulasten traditioneller Ernährungsweisen.

Das Beispiel Brasiliens ist besonders aufschlussreich. Im Jahr 2010 startete Nestlé das Programm „Nestlé Até Você a Bordo“, was sich sinngemäß mit „Nestlé kommt per Boot zu Ihnen“ übersetzen lässt. Dabei handelte es sich um einen schwimmenden Supermarkt, der Zehntausende Kartons mit Milchpulver, Schokoladenpudding und Süßwaren an abgelegene Gemeinschaften im Herzen des Amazonasbeckens lieferte. Diese Gemeinschaften ernährten sich traditionell von Fisch sowie von lokal angebautem Obst und Gemüse. Das Schiff legte einmal pro Woche an und bot seine Produkte zu Preisen an, die unter denen des lokalen Marktes lagen. Der damalige Geschäftsführer von Nestlé Brasilien, Ivan Zurita, formulierte das Ziel der Initiative ganz offen: „Wir holen die Kunden dort ab, wo sie sind46.

Nestle boat
Der schwimmende Supermarkt von Nestlé im Hafen von Belém (Brasilien) im Jahr 2010 Quelle: Bloomberg / Contributor via Getty Images

Die Folgen ließen nicht lange auf sich warten. Graciliano Silva Ramos, der das Schiff leitete, räumte gegenüber der BBC ein, einen Fehler gemacht zu haben: „Die Ernährung der Kinder hat sich stark verschlechtert, und ihre Gesundheit hat erheblich darunter gelitten. Sie ernährten sich nicht mehr gesund, was zu allen möglichen Krankheiten führte, etwa zu Magenproblemen und Karies.“ Eine Schulleiterin aus der Region berichtete ihrerseits von „einem Anstieg von Diabetes im Kindesalter, Adipositas und erhöhten Cholesterinwerten bei Kindern, die gerade einmal sieben Jahre alt waren“. Nestlé stellte den Betrieb des Schiffes schließlich 2017 ein. Andere private Bootsbesitzer sprangen jedoch später ein, um die Nachfrage zu bedienen, die das Programm geschaffen hatte47,48.

Mexiko bietet ein weiteres besonders aufschlussreiches Beispiel. Coca-Cola entwickelte dort eine Strategie, um sich in den Tausenden kleinen Nachbarschaftsläden, den sogenannten „Tiendas“, fest zu etablieren, die in den ländlichen und benachteiligten Regionen des Landes den wichtigsten Vertriebskanal darstellen. Zu diesem Zweck stellte das Unternehmen den Ladenbesitzern kostenlos Kühlschränke zur Verfügung, eine kostspielige Anschaffung, die für die meisten von ihnen unerschwinglich gewesen wäre, und erhielt dafür Exklusivrechte49,50. Das Ergebnis: In einigen ländlichen Gemeinden Mexikos war Coca-Cola in den Verkaufsstellen leichter verfügbar als Trinkwasser und wurde zum gleichen Preis verkauft. Im Bundesstaat Chiapas lag der Konsum im Jahr 2019 bei 683 Litern pro Person und Jahr, also bei nahezu zwei Litern pro Tag. Diabetes wurde dort zur zweithäufigsten Todesursache51-54.

Coca cola san juan canuc
Am Ortseingang von San Juan Cancuc präsentiert sich Coca-Cola als Symbol des Alltags. Quelle: Thomas Aleto / Flickr

Diese beiden Beispiele veranschaulichen ein umfassenderes Phänomen, das die Weltgesundheitsorganisation (WHO) als „Double Burden of Malnutrition“ bezeichnet. Konkret bedeutet dies, dass ein und dasselbe Land, manchmal sogar ein und derselbe Haushalt, gleichzeitig von zwei scheinbar gegensätzlichen Formen der Mangelernährung betroffen sein kann: Während einige Menschen unter Unterernährung und Nährstoffmängeln leiden, sind andere übergewichtig oder adipös. Die massive Verbreitung hochverarbeiteter Lebensmittel löst das Ernährungsproblem nicht, sondern verlagert es: Dort, wo früher Unterernährung herrschte, weil der Zugang zu ausreichend Nahrung fehlte, treten heute zunehmend Übergewicht und Adipositas auf55. Nach Angaben der WHO sind mehr als ein Drittel der Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen gleichzeitig mit diesen beiden Extremen konfrontiert. Besonders besorgniserregend ist die Prävalenz in Subsahara-Afrika, Südasien sowie Ostasien und dem Pazifikraum56,57.

Quellen

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